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Mein Leben&ich, Vol. III

“ Das Leben trennt uns oft von den Kameraden,

es hindert uns sogar, viel an sie zu denken.

Aber sie sind da, wenn man auch nicht so recht weiß, wo.

Sie lassen nichts von sich hören und

wir denken kaum an sie, und doch sind sie so treu!

Wenn sich dann die Wege kreuzen,

packen sie uns bei den Schultern und

schütteln uns leuchtenden Auges die Hand.“

*Danke, dass ihr für mich da seid!*

In den nächsten Wochen passierte so viel…. wenn ich das jetzt hier alles detailliert schreiben würde, würden wir nie fertig werden 😉

Naja, ich hab ziemlich schnell gemerkt, dass ich psychisch schon mal gar nicht in der Lage war, weiterhin zu arbeiten. Ich konnte mich Null auf die Probleme der Mädchen konzentrieren. Körperlich merkte ich schon während der 1. Chemo, dass es auch unter diesem Aspekt nicht gegangen wäre mit dem Weiterarbeiten. Meine Chefs haben toll reagiert. Soweit es geht, mache ich noch so den Kassen/ Abrechnungskrams für unsere Wohngruppe weiter. So hab ich immer noch ne Aufgabe. Zur Zeit arbeite ich eine neue Mitarbeiterin in den ganzen Krams ein, so dass ich immer ne Vertretung habe, die auch weiß, was sie tut 😉

Die Chemo… ja, was soll ich dazu schreiben. Trotz dessen ich auf die Nebenwirkungen vorbereitet war….. so schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt- und ich denke, mir geht es noch relativ gut. 3 Tage hintereinander bekomme ich Chemo. In den 3 Tagen bin ich die meiste Zeit nur schlapp und kaputt. Ich muss so viel spucken, was mir meine ganze Kraft raubt. Kopfschmerzen, Knochenschmerzen, Lichtempfindlichkeit, usw. sind an der Tagesordnung. Schlimm war, dass mir schon gleich zu Anfang die Haare ausgefallen sind. Anfangs konnte ich mir das gar nicht vorstellen, ohne Haare. Ich wollte, dass die Haare bis zum Schluss dran bleiben, also halt so lange wie möglich und danach auch nur mit Perücke rumlaufen. Und auch da kam wieder alles anders, als ich es mir vorher so gedacht hatte. Mittlerweile bin ich im 5. Zyklus (jeder Zyklus geht bei mir 3 Wochen) und hatte die Perücke erst einmal auf. Es passt irgendwie nicht zu mir, ich fühle mich unwohl, die Perücke, also die unechten Haare sind kein Teil von mir, ich fühle mich unsicher mit der Perücke. Trage also nun Mützen und fühle mich wohl damit. Die anfangs 4 Mützen haben sich nun zu stolzen …. mhm…. 20… oder sind es doch 30 😉 vermehrt! Einen Tag nachdem die Haare anfingen, auszufallen, haben Freunde sie mir abrasiert. Das war hart, aber so hatte ich wenigstens das Gefühl, dass ich den Zeitpunkt, wann die Glatze kommt selbst bestimmen konnte. Ein kleiner, schwacher Trost. Und ohne dich, Lisi, hätte ich es mich nicht getraut. DU hast mich dazu ermutigt, weil du selbst diesen Weg gegangen bist, dir die Haare abrasieren zu lassen…. und du hattest mir ein Foto geschickt- noch mit Haaren, schöne lange, braune Locken! Und wenn du es so gemacht hast, dachte ich, schaffe ich es auch. Und ich habe es geschafft!!!! Und es war eine der besten Entscheidungen! DANKE dafür!

Einen wichtigen Aspekt gab es noch zu klären: Ich selbst habe es erst gar nicht als so wichtig empfunden, es ist mir erst später klar geworden, wie wichtig es ist. Dadurch, dass ich meine Eltern nicht informieren wollte, hatte C. etwas Bauchschmerzen, da sie Angst hatte, was ist, wenn etwas passiert, da Freunde keine Auskünfte in Kliniken bekommen. Sie sprach schon zu Beginn davon, dass sie es gut fände, wenn ich mit einer Freundin von ihr (die ich auch kenne) spreche, die Anwältin ist. Ich habe das ziemlich lange rausgezögert, weil…. ja, warum eigentlich? Das weiß ich auch gar nicht so genau. ich wollte einfach nicht über meine Familie nachdenken…. zu viele Verletzungen waren da. Aber an diesem, zweiten Chemotag, merkte ich, wie schlecht es C. mit der Situation ging, dass keiner im Falle des Falles informiert wird, usw.    Am dritten Chemotag (und auch letzter für den ersten Zyklus) habe ich mich aufgerafft, habe nach der Chemo S. angerufen. Ich wusste erstmal gar nicht, was ich sagen sollte…. auch wenn es nun schon einige wussten, was los ist, so machte es mir doch immer wieder Angst, Leuten von meiner Krebserkrankung zu erzählen. Ein Glück wusste S. schon durch C. Bescheid. Was wir genau alles in diesem Telefonat besprochen haben, weiß ich gar nicht mehr genau. Ich weiß nur, dass es mir unheimlich gut getan hat. Heraus kam, dass es okay ist, wenn ich es meinen Eltern nicht sage, dass es meine Entscheidung ist. Aber, dass ich jemanden vor Ort brauche, der eine Vollmacht von mir bekommt und vom Krankenhaus informiert wird, wenn etwas passiert. Ich habe dann meine engsten Freunde hier oben gefragt, ob sie sich das zutrauen würden, da es ja auch eine große Verantwortung in unserem Alter ist. Und- ich hab tolle Freunde- sie waren damit einverstanden. Am darauffolgenden Wochenende bin ich nach H. gefahren und habe mich dort mit S. in der Kanzlei getroffen. Sie hatte die Vollmacht schon vorbereitet- und eine Patientenverfügung. Das war hart- ich meine, ich bin 28 Jahre alt, bzw. jung und musste mich plötzlich mit den Themen Tod und Sterben auseinander setzen. Und nicht nur das, mir wurde vorgelesen, was ich mir wünsche, dass ich in Ruhe und Frieden -oder war es Würde????- sterben möchte und solche Sachen halt. Irgendwann konnte ich die Tränen nicht mehr zurück halten und als sie dann liefen, liefen sie auch. Ich konnte es nicht verhindern. S. war toll. Hat mir eine riesige Tempobox hingestellt, erstmal weiter vorgelesen und als dann der ganze Krams vorgelesen und von mir unterschreiben war, haben wir noch lange geredet. Es war das erste Mal, dass ich mich getraut habe, über meine Ängste zum Thema Krebs, Tod und Sterben zu sprechen. Ich wollte keinen damit belasten, mit diesen Ängsten. Aber hinterher war ich so erleichtert, dass es mal raus war, und dass mein Gegenüber damit umgehen konnte.

Mittlerweile ist der Aspekt Sterben immer mal wieder Thema. Ich versuche meistens stark zu sein, aber immer gelingt es mir nicht. Vor allem nicht, wenn mir wieder irgendwelche blöden Ergebnisse mitgeteilt werden. Neulich schrieb S. mir in einer Mail: Und du brauchst nicht immer stark sein!  DANKE